| || Home > Kirche & Gemeinde > Gemeindebriefe > Kurzgeschichte der Woche > Waldbrand |
Alles hat seine Zeit – auch das Wetter mit seinen gelegentlichen Kapriolen. Frühlingsstürme an der Küste schaffen es nur dann in die Nachrichten, wenn sie genug Ziegel von den Dächern fegen. Aber mein Mitgefühl hat meist wenig Tiefgang. So was passiert halt im März. Dafür dürfen die Leute ständig dort wohnen, wo ich nur als Urlauber hinkomme.
Frühjahrshochwasser an Rhein oder Elbe; Glatteis-Chaos im Januar; anhaltende Bruthitze im Juli, all das kennt man. Hitzewellen haben mir bisher lediglich ein paar zusätzliche Kubikzentimeter abendlichen Schweiß abverlangt. Zwanzig oder 30 Eimer Wasser aus unserem Brunnen braucht es mindestens, um den schlimmsten Durst der Blumen und der Bohnen zu stillen. Dabei achten wir schon darauf, in unserer vergleichsweise regenarmen Ecke des Landes weniger wassergierige Pflanzen zu pflegen.
Na ja, wenns dann gar zu lange vom wolkenlosen Himmel gebrannt hat, erkundige ich mich auch, ob und ggf. welche Waldbrand-Warnstufe gilt. Es wäre keine Empfehlung für unser kleines Tagungshaus, wenn eines der beliebten abendlichen Lagerfeuer außer Kontrolle geriete. Aber mit dem ersten herbstlichen Schmuddelwetter ist dieses Problem für ein Jahr ad acta.
So braucht es einige Zeit, bis ich kapiere. Die Tagesschau ist schon zur Hälfte rum, als ich einschalte. Als erstes sehe ich einen Hubschrauber, wie er über einem See schwebt und einen am Stahlseil hängenden Wasserbehälter voll laufen lässt. Ich schnappe das Wort „Waldbrand“ auf. Mein inneres Stichwortregister springt auf Kanada/USA, wegen der Bergkulisse eher nicht Australien. Die tollkühnen Feuerflieger haben von Kalifornien bis hoch in den Norden regelmäßig mit brennenden Wäldern zu tun. Harter Job, tolle Bilder.
Trotzdem nehme ich für einen Moment noch die Programmzeitung vor der Nase. Aber etwas lenkt mich ab. Ich höre Wörter wie „Oberbayern“, „ungewöhnliche Trockenheit“, „Landkreis Bad Tölz“. Gerade noch rechtzeitig, um zu begreifen, dass hier am Totensonntag 2011 von einem großen Waldbrand in Deutschland berichtet wird.
Kein Fachmann, so sagen sie vor Ort, konnte Ende November mit so etwas rechnen. Aber seit 1920 bzw. seit 1958, je nach Statistik, war auch kein November so ohne Regen und knochentrocken. Da verwandelt sich ein Bergwald nun mal in Zunder, völlig unabhängig von der Jahreszeit.
Später im Schlafzimmer sind die Bilder und Kommentare aus Oberbayern wieder da. Die Ersten, die mir in den Sinn kommen, sind merkwürdigerweise die Gute-Laune-Redakteure vom Wetterdienst im Radio. Die begleiten mich regelmäßig in den Tag und sind immer so rührend bemüht, auch dem ärgsten Sauwetter noch etwas Erfreuliches oder wenigstens Tröstliches abzugewinnen. Aber in den letzten Wochen hatten Sie´s leicht. Da konnten sie Tag für Tag Sonne satt für jedermann verkünden. Dabei, siehe Totensonntag 2011, addieren sich zu viele Sonnentage zur Dürreperiode. Menschengemachter Klimawandel, ja oder nein? Mir fehlen einschlägige Fachmann-Diplome.
Aber ich kann nicht anders: die Feuerflieger vom Sylvensteinsee motivieren mich zum x-ten Mal, meinen persönlichen Beitrag zum Klimawandel zu überschlagen. Sie wissen schon: was brauche ich wirklich? Was könnte ich lassen oder ändern? Was dürfen meine Enkel von mir erwarten – außer gelegentlichem Besuch im Zoo?
von Harald Rohr