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In jüngeren Jahren habe ich ein paar Mal den Stups bekommen: „Willst du dich nicht als Urlaubsseelsorger auf einem Kreuzfahrtschiff vormerken lassen?“ Der Nebenjob ist begehrt. Aber ein paar Voraussetzungen dafür hätte ich vielleicht mitgebracht. Trotzdem habe ich mich nicht aufraffen können, damals, als die Kreuzfahrtbranche noch nicht Top-Player in der Tourismusindustrie war. Ich habe einfach mehr davon, ferne Lebenswelten durch echte Begegnungen mit Land und Leuten kennenzulernen, als mittels der Show-Arrangements, mit denen die Eventmanager an Bord ihr Geld verdienen.
Hunderttausende deutscher Landsleute können sich als erfahrene Kreuzfahrer also die Aufbruchsstimmung an Bord der „Costa Concordia“ besser vorstellen als ich; kurz nach Verlassen des Hafens, als das Riesenschiff ins Unglück gesteuert wird.
Ein Schock für Tausende, die jetzt rasch von Bord mussten. Ein erdrückendes Kreuz für Hunderte, zu deren Lebenskreis die Toten und Vermissten gehören.
War es das? Vielleicht noch garniert mit dem Zitat von Murphys Gesetz: „Alles was schiefgehen kann, wird irgendwann auch schiefgehen“?
Nein, Murphys Gesetz bleibt in Kraft. Allen Fachleuten ist vollkommen klar, wie tödlich die Fracht ist, die noch in den Tanks des Wracks lagert. Mehr als 2.000 Tonnen Diesel und vor allem Schweröl, das ultimative Gift für alle Geschöpfe des Meeres. Die Menschen an der Toskanischen Küste würden - man zögert, es so auszudrücken - nur ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage verlieren. Für den Delphin-Kindergarten des Mittelmeeres, der sich gerade dort befindet, wäre es das Aus, womöglich für immer. Die Umweltpolitik der Mittelmeerstaaten, die auf den systematischen Schutz besonders wertvoller maritimer Zonen setzt, erlitte einen furchtbaren Rückschlag. Fische und die sogenannten niederen Meerestiere können nicht mal eben umziehen, weil es in der angestammten Unterwasser-Heimat etwas schwarz und klebrig wird. So etwas können nur Einfaltspinsel denken. Zerstörte Lebensräume bedeuten Artentod, auch unter Wasser.
Das schiefe Wrack von Giglio erinnert an das ökologische Schuldkonto, das die Kreuzfahrtbranche in den letzten zwei Jahrzehnten angehäuft hat. Traumschiffträume, profitabel gemacht mit dem billigsten aller Treibstoffe, Abfallprodukt der Dieselherstellung; ohne Filteranlage verfeuert. Die PR-Abteilungen der Kreuzfahrt-Reedereien mogeln sich seit Jahr und Tag um diesen Skandal herum. Das Zittern der Völker Europas um den Schwerölschlamm im Bauch der „Costa Concordia“ wird die Ausreden künftig erschweren. Und wenn das Ticket dann 200 € mehr kostet, sei´s drum!
Zu den Umkehr-Worten unserer Zeit gehören für uns Christenmenschen die Gedanken des Paulus über das „Seufzen der Kreatur“. Mit Worten, die Gott versteht, klagen auch unsere Mitgeschöpfe über die Nöte und Ängste des Lebens und hoffen auf Befreiung.
Die Mütter und Kinder einer Delphinschule, die mit verklebten Lungen zu Grunde gehen, haben trotz ihres Denkvermögens keinerlei Zugang zu unseren Vorstellungen von einem Kreuz. Aber wenn Paulus recht hat, müssten wir Menschen damit leben, dass unsere Kreuzfahrten für bewunderten Mitgeschöpfe zu einem grauenvollen Kreuz werden können.
Möge Murphys Gesetz sich vor Giglio um Himmels Willen kein weiteres Mal bewahrheiten!
von Harald Rohr