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Bömmschen hießen die klebrigen süßen kleinen Dinger. Und wenn die Fastenzeit nahte, rückten sie in den Mittelpunkt der religionspädagogischen Bemühungen unseres Dorfschullehrers. „Fastenzeit“ sagten zwar nur die Katholischen. Aber wir evangelischen Flüchtlingskinder bekamen dieselben Ermahnungen zu hören. Beim Herzen Jesu, die Schnuckersachen hatten ab Aschermittwoch bis Ostern nichts in unseren Hosentaschen zu suchen. Im Dorfladen verschwand sogar das Glas von der Theke, aus dem der Krämer uns das Süßzeug abgezählt verkaufte.
Zwei Generationen später ist die Fastenzeit so etwas wie christliches Allgemeingut in Deutschland geworden: eine der wenigen Erfolgsgeschichten, was die Motivation vieler querbeet durch die Kirchen und über ihre Ränder hinaus angeht. Fasteninitiativen innerhalb der Kirchen werden zudem flankiert von einer großen Neugier auf Fastenerfahrungen jenseits religiöser Sinnsuche.
Gestaltete Fastenzeit 2011, das hat kaum zu tun mit dem wenig freiwilligen Bonbon-Entzug meiner Kindertage. So greift die populäre Fasteninitiative „Sieben Wochen ohne“ mitten ins Erwachsenenleben. Jahr für Jahr werden wichtige Konsumgewohnheiten oder Einstellungen auf den persönlichen Prüfstand gestellt und durch gemeinschaftliche Erfahrung verändert. So etwas zieht mündige Menschen an.
„Sieben Wochen ohne“ im kommenden Jahr 2012? Man darf annehmen, dass es dafür längst Vorüberlegungen gibt. Trotzdem, die Fastenzeit 2011 legt uns erwachsenen Christenmenschen wohl ein konkretes Lebensgebiet nahe. Denn diese Fastenzeit 2011 ist die Zeit der Atomkatastrophe von Fukushima. So etwas wie „Energiefasten“ wird da zur spirituellen und zur politischen Christenpflicht. Denn alle Appelle und Programme zum Ausstieg aus der Atomtechnologie bleiben Makulatur – egal welche Partei oder Regierung sie verkünden –, wenn wir Bürgerinnen und Bürger nicht aussteigen.
Zwischen Aufstehen und Schlafengehen muss ich lange suchen, um Tätigkeiten zu finden, die nicht von Energie abhängig sind. Das sagt einer, der seit 15 Jahren kein Auto mehr besitzt und schon lange zu keinem Flug mehr eingecheckt hat. Mir bleiben jede Verpackung, jedes bedruckte Stück Papier, jedes Drehen an der Heizung, jeder Kauf von Tomaten aus ferner Weltgegend – eine Alltagsliste ohne Ende. Ein Trost, eine reale Hoffnung: vieles, sehr vieles davon steht in meiner Macht und Entscheidung. Abermillionen vor allem ferner Mitmenschen machen mir das vor und vergessen dabei nicht, sich ihres Lebens zu freuen.
Und der Glaube an den Gott, der es mir an nichts Lebenswichtigem und Lebenswertem mangeln lässt, hilft den Kurs zu finden. Energiefasten? Ich sollte es versuchen.
von Harald Rohr