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Zu dem Entschädigungsgesetz sagt John Doom (links) von der Organisation "Moruroa e tatou": "Wir haben kein Vertrauen." Er und seine Mitstreiter wollen weiter kämpfen. Foto: Brot für die Welt/Thomas Lohnes
Rund 50 Jahre nach dem Beginn der französischen Atomversuche in Polynesien und Algerien ist erstmals der Weg für die Entschädigungen der Opfer frei: Nach der Zustimmung von französischer Nationalversammlung und Senat sind im Staatshaushalt Frankreichs für 2010 zehn Millionen Euro eingeplant. Ein Sprecher der Organisation "Moruroa e tatou" („Moruroa und wir“), die sich auf Französisch-Polynesien für eine Entschädigung der Opfer einsetzt und ein Projektpartner von „Brot für die Welt“ ist, bewertet das neue Gesetz zurückhaltend. Projektkoordinator John Taroanui Doom von “Moruroa e tatou” sagt: „Das Gesetz entspricht weder den Erwartungen der ehemaligen Arbeiter noch denen der Bewohner der Inseln.“
Frankreich hatte zwischen 1966 und 1996 im Pazifik fast 200 Atombomben zu Versuchszwecken gezündet. Mehr als 10.000 Polynesier waren für die Arbeiten in den Testgebieten herangezogen worden. Viele von ihnen erkrankten später an Krebs. Seit Jahren klagen viele Opfer über gesundheitliche Folgen wie Leukämie und andere Krebsarten.
Jahrzentelanges Leugnen
Das neue Gesetz sieht vor, dass ein Entschädigungsausschuss die Anträge der Opfer prüft und an das französische Verteidigungsministerium weiterleitet. Eine auf diese Weise empfohlene Entschädigung kann das Ministerium nur mit einer Begründung ablehnen. Laut Medienberichten bedeutet das: Die Beweislast liegt nun beim Verteidigungsministerium. Damit gilt eine Forderung der Opferverbände als erfüllt. Bisher mussten die Opfer in oft langwierigen Gerichtsverfahren nachweisen, dass die Atomtests ihre Erkrankung ausgelöst hatten. Lange Zeit hatte die französische Regierung einen Zusammenhang zwischen den Tests und den gehäuften Erkrankungen zurückgewiesen.
Die Kritik von „Moruroa et tatou“ ist grundsätzlich. Doom: “In Wirklichkeit geht mit diesem Gesetz die Entscheidungsmacht an den Verteidigungsminister Frankreichs.” Er dürfe nun über alles entscheiden: Wer im Entschädigungsausschuss sitzt und wer schließlich überhaupt eine Entschädigung bekommt. Der Projektkoordinator ergänzt: “Es war auch der Minister, der es ablehnte, einen Entschädigungsfonds mit einem unabhängigen Entscheidungsgremium ins Leben zu rufen.” Einige Mitglieder des jetzt vorgesehenen Entschädigungsausschusses hätten nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl fälschlicherweise behauptet, die radioaktiven Wolken seien an der Grenze Frankreichs gestoppt worden. Die fatalen Folgen der Tests für die Umwelt spielen in dem neuen Gesetz keine Rolle – auf diesen Missstand wollen die Aktivisten auch in Zukunft aufmerksam machen. Das Fazit von Doom: “Wir haben kein Vertrauen in die Strukturen, die das Verteidigungsministerium geschaffen hat.”
Protestmarsch der entäuschten Opfer
Mit einem von „Moruroa et tatou“ organisierten Protestmarsch in Papeete, der Hauptstadt Französisch-Polynesiens, zeigten mehr als 2000 enttäuschte Atomtest-Opfer und ihre Angehörige, dass das Entschädigungsgesetz Frankreichs nach ihrer Auffassung gescheitert ist. Einem Vertreter des französischen Verteidigungsministers übergaben die Vertreter der Opfer ein Papier, das die Position von „Moruroa et tatou“ deutlich macht.
Für die Opferorganisation gibt es bei aller Kritik zumindest einige positive Punkte: Die Ausschlussfrist, innerhalb der die Opfer ihre Ansprüche beim Entschädigungsausschuss anmelden müssen, wurde von zwei auf fünf Jahre verlängert. Diese Ausweitung sei wichtig, da „Moruroa et tatou“ nach eigenen Angaben bereits jetzt mehr als 200 Anträge auf Entschädigung vorliegen. Es bleibe abzuwarten, wie der Ausschuss mit diesen Anträgen umgeht. Immerhin erkenne Frankreich mittlerweile an, dass die Atombombentests zu Krankheiten führen. Projektkoordinator Doom: In den vergangenen 30 Jahren habe es stets geheißen, die Atombombe sei sauber.